Eva Stock
Kategorie: Privatwirtschaft
Personalentwicklerin

Eva Stock

Nach meinem Soziologie-Studium und einigen Jahren bei der Deutschen Bahn, leite ich heute ein kleines HR-Team bei Trust Agents, einer Online-Marketing-Agentur in Berlin. Auf meinem Blog HRisnotacrime schreibe ich über alles, was mit Personalthemen zu tun hat.

Wie bist du Soziologin geworden?

Meine Schwester ist um einiges älter als ich und war bereits Diplom-Soziologin. Also wollte ich das auf gar keinen Fall studieren, ist ja klar. Man möchte sich in dem Alter ja unabhängig machen von der Familie und besonders von großen Geschwistern. Weil ich etwas ratlos und das Internet damals noch nicht so voller Studien-Tipps war wie heute, bin ich in meiner Verzweiflung zum Berufsberater des Arbeitsamts (das hieß damals noch so) gegangen. Leider kam da auch wieder Soziologie-Studium raus. ;)

Ich hab es dann trotzdem mit Kommunikationswissenschaften probiert, aber einen NC von 1,3 konnte ich nicht vorweisen. Also hab ich mich am letzten möglichen Tag an der Uni Trier für Soziologie eingeschrieben.

Ich dachte echt: Beuge ich mich meinem Schicksal. Nicht anfangen zu studieren und auf das Wartesemester zu hoffen, war für mich auch keine Option damals. Und siehe da: Ich war dann doch relativ erfolgreich im Studium.

Wie ging es dann für dich weiter?

Während der Studienzeit hab ich viel am Lehrstuhl gearbeitet, aber ich war jetzt auch nicht wirklich motiviert oder gut genug für eine wissenschaftliche Karriere. Das war mir schnell klar. Ich wollte eigentlich immer eher in Richtung Kommunikation und Werbung, aber nach einem Praktikum in der Werbeagentur habe ich das schnell wieder verworfen. 

Meine Schwester war damals schon als Personalerin erfolgreich unterwegs, also dachte ich, dass ich mir die Arbeit mal anschaue. Über eine Freundin bin ich dann an ein Praktikum in einer großen deutschen Bank gekommen. Die Kultur dort war absolut nichts für mich - aber die Arbeit ansich hat mir Spaß  gemacht und ich habe gemerkt, dass mir Leute schnell Dinge anvertrauen. 

Also hab ich die Berufsrichtung schon im Blick behalten. Die damaligen wirtschaftlichen Verhältnisse waren gerade wieder ein wenig im Aufschwung nach einer Krise. Die Jobfülle gab es aber deshalb leider nicht und man musste extrem kämpfen. Ich habe eine Menge Absagen kassiert.

Zwischenzeitlich hab ich mich mal in der Erwachsenenweiterbildung versucht, als dann das Angebot für das Traineeship im Personalbereich der Bahn kam. 

Aus welchen Gründen bist du vom großen Konzern zur Agentur gewechselt? 

Ich hab recht lange in der Personalentwicklung in zentralen Funktionen der Bahn verbracht. Ich konnte dort eine Menge Basiswissen mitnehmen, für das ich heute sehr dankbar bin. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass meine Karriere nicht weitergeht und habe mir auch die große Sinnfrage gestellt.

Ich hatte immer weniger Kontakt zu den Mitarbeitern, für die ich die Projekte vorantreiben sollte. Ich hatte auch kein Gefühl mehr dafür, ob meine Arbeit für irgendwen einen Unterschied macht.

Also hab ich die Konzernwelt verlassen und leite nun ein kleines HR- Team mit zwei tollen Mitarbeiterinnen bei Trust Agents, einer Online-Marketing-Agentur in Berlin. Wir sind ca. 70 Mitarbeiter und unser Altersdurchschnitt ist bei 30,6 Jahren. Inklusive des Managements. Das ist also ein ganz anderer Schnack.
 

Welche Folgen hatte dieser Wechsel für dich und deine Aufgaben?

Ich bin jetzt für alles direkter verantwortlich. Für mein Team, für mein Unternehmen und für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ich muss und möchte die komplette Bandbreite abdecken: Recruiting, Admin, Employer Branding, Unternehmenskultur und Mitarbeiter-Zufriedenheit, Personalentwicklung, Arbeitsrecht…

Das schaffe ich natürlich nicht alleine, sondern nur gemeinsam mit meinem Team und mit unserem Operations-Team, das mich auch tatkräftig unterstützt.

Ich muss jeden Tag etwas Neues dazulernen und auch Rede und Antwort stehen. Ich kann mich weder im Büro noch hinter Powerpoints oder Meilenstein-Plänen mit 10-Jahres-Horizont verstecken. Alles geht jetzt ungefähr 10 Mal so schnell. Das war schon eine krasse Umstellung. Aber toll ist, dass ich mich einfach nie langweile.

Wie sieht dein typischer Arbeitstag aus? Womit verbringst du die meiste Zeit?

Es gibt einfach keinen typischen Arbeitstag. Ich habe grundsätzlich einen vollen Wochenkalender. Daher verbringe ich viel Zeit mit zuhören und Ideen und Projekte besprechen und umsetzen (mit meinem HR-Team oder mit unseren Teamleitern und der Geschäftsführung). Und ich verbringe viel Zeit mit meinem Mailpostfach. Aus den Meetings und den Mails ergeben sich dann auch wieder neue Aufgaben und Themen. 

Darüber hinaus bin ich auch viel damit beschäftigt, Prozesse auf- und auszubauen. Für und als Agentur ist es wichtig, gute Prozesse zu haben, die schnell laufen. Daher werden sie auch beständig optimiert.

Welche Rolle spielt dein Blog für dein Berufsleben?

Der Blog öffnet mir Türen in alle Richtungen. Ich lerne spannende Menschen kennen – ob Personaler oder Gründer und Geschäftsführer. Außerdem werde ich dadurch zunehmend als Expertin wahrgenommen und auf Konferenzen und Messen als Speakerin eingeladen.

Im Grunde habe ich den Blog aber auch gestartet, um als ganzheitliche Personalerin wahrgenommen zu werden. Als Personalentwicklerin ist man schnell darauf abgestempelt, dass man sonst nix kann. Meine Bewerbungsphase hat auch eineinhalb Jahre gedauert. Mal mehr und mal weniger intensiv. Ich weiß also auch, wie frustriert manche Kandidaten aus gutem Grund sind.

Zudem regen mich auch viele Zustände im HR zunehmend auf. Und dem wollte ich ein Ventil geben. Im HR gibt es einfach zu viele selbstverliebte Menschen, auf den Bühnen sieht man vor allem Männer oder sehr erfolgreiche Frauen. Dazwischen gibt es oft wenig. 

Der Job im HR-Bereich beinhaltet aber vor allem, dass man auch mal 3 Schritte zurückgeht und sich fragt: Was mach ich da gerade eigentlich? Dazu erzieht mich mein Blog auch sehr oft.

Wie hilft dir das Wissen aus dem Soziologie-Studium als Personalentwicklerin?

Komplex und über mehrere Ebenen zu denken - das ist etwas, das ich im Studium trainiert habe. Durch meine Arbeit am Lehrstuhl hab ich auch viel mit verschiedenen Professoren (fast alle männlich) zu tun gehabt und konnte (ohne es zu wissen) auch verschiedene Führungspersönlichkeiten kennen lernen. Und da hab ich auch eins gelernt: Sekretariat ist king. Wer sich mit der Sekretärin (ja, auch heute noch meist weiblich;) anlegt, hat verloren. 

Ich glaube, als Soziologe lernst du auch, dich selbst mehr zu hinterfragen. Gerade in Bezug auf die Relevanz der Position, die HR in einem Unternehmen im Bestfall hat, ist das extrem wichtig. Wenn ich halt der Klassen-Arsch bin, der nach unten tritt, dann hab ich alles auch irgendwie nicht besser verdient und hätte mal in ein Bourdieu-Seminar gehen sollen.

Ansonsten würde ich manche Aspekte wie BWL und Statistik, heute gerne nochmal studieren können. Eben mit dem Wissen, das ich jezt habe. Damals war mir das einfach zu abstrakt.

Was rätst du Studierenden, die sich für eine Stelle im Bereich der Personalentwicklung interessieren?

Fangt erstmal generalistischer an. Ihr konkurriert in der PE vor allem mit den Psychologen und lasst die das mal machen mit ihren Diagnostik-Kenntnissen. Ich würde euch erstmal einen Einstieg als Generalist empfehlen. Dann könnt ihr sehen, was euch am meisten liegt.

Recruiting beinhaltet z.B. auch nicht nur, Bewerbungsgespräche zu führen. Die Frage heute lautet: Wo bekomme ich die Bewerber überhaupt her und wie bringe ich den Fachbereich ins Boot. Wie kann ich mit Marketing eine Employer Branding Kampagne umsetzen etc.

Man kann auf einer generalistischen bzw. Business Partner- Position aus meiner Sicht am meisten über das Berufsbild des Personalers lernen und dann entscheiden, in welchen Bereich man tiefer einsteigen kann.

Vielen Dank für das Gespräch!

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Veröffentlicht am: 10. Mai 2018