Michael Hertlein
Kategorie: Privatwirtschaft
Senior Knowledge Manager bei einer Unternehmensberatung

Michael Hertlein

Schon während meines Soziologie-Studiums habe ich mich auf das Thema Wissensmanagement spezialisiert. Durch ein Praktikum bei der Robert Bosch GmbH habe ich dann entsprechende Praxiserfahrungen sammeln können. Heute arbeite ich als Senior Knowledge Manager in Düsseldorf bei einer international tätigen, unabhängigen Unternehmensberatung mit Hauptsitz in Stuttgart.

Aus welchen Gründen haben Sie sich zu einem Soziologie-Studium entschlossen?

Ich habe mich nach intensiver Suche (u.a. nach einem abgebrochenen Medienpraktikum und einem mehrmonatigen Auslandsaufenthalt) konkret nach einem Studium mit Fokus auf gesellschaftliche Entwicklungen umgeschaut. Getrieben wurde ich von einer abstrakten Vorstellung, „irgendwie die Welt zu verbessern“. Gleichzeitig hatte ich den Wunsch, finanziell abgesichert zu sein und langfristig in Deutschland eine Familie zu gründen. Daher schloss sich ein Studium der Ethnologie oder langfristige Aufenthalte in der Entwicklungszusammenarbeit schnell aus. 

Durch die Recherche wurde mir schnell klar, dass ich das Hauptfach Soziologie durch ein Nebenfach mit Hard Skills im Bereich Wirtschaftswissenschaften ergänzen sollte. In Marburg konnte ich Soziologie auf Magister mit den Nebenfächern Volkswirtschaftslehre und Friedens- und Konfliktforschung studieren. 

Wie haben Sie während des Studiums auf Ihren Beruf hingearbeitet?

Es gab ein Fachseminar zum Wissensmanagement. Das Thema hat mich sofort begeistert, weil es Wirtschaft und gesellschaftliche Entwicklung verbindet und damals (2007) (noch) ein Trendthema war. Im Anschluss an das Studium erhielt ich die Möglichkeit an der European Business School (EBS) in Wiesbaden ein Benchmarking-Forum zu betreuen, das Wissensmanagementinitiativen in Beratungsunternehmen verglich. Über diese Tätigkeit fand ich letztendlich zu meiner heutigen Tätigkeit.

Auch heute ist das Thema Wissensmanagement nach wie vor noch hochrelevant. Standards wie die Aufbereitung von Projekt- und Angebotswissen und die Bereitstellung von Kollaborationsplattformen gehören ebenso zum Alltag wie das Aufgreifen von Trendthemen (Big Data Analysis, Mobile Computing, Social Collaboration etc.). Es ist allerdings nicht mehr an sich ein Trendthema und wird häufig von angrenzenden Initiativen aus IT, HR oder Business Development vorangetrieben.

Was sind Ihre Aufgaben als Knowledge Manager?

Ich bin für den Aufbau und die Verwaltung der Wissensmanagement-Systeme zuständig. Dies umfasst Prozesse, Organisation, Technik und Kommunikation, die zur Erfassung und zum Austausch von relevanten Wissen notwendig sind. Dabei stoße ich immer wieder auf kulturelle Herausforderungen, wie der fehlenden Bereitschaft, sein Wissen preiszugeben oder den Wunsch, stärker auf den Ausbau persönlicher Netzwerke zu setzen.

Zusätzlich unterstütze ich das Innovationsmanagement, das nun stärker strategisch ausgerichtet wird. Die Nähe zu Wissensmanagement ist gegeben, da es sich bei Innovationen um neu entstehendes Wissen handelt.

Der Job des Knowledge Managers ist sehr abwechslungsreich: Austausch mit Kollegen, Konzeptarbeit, technische Umsetzungen und immer wieder die Herausforderung, Probleme lösen zu müssen, die in den Schnittstellen zwischen verschiedenen Organisationseinheiten anfallen. 

Wie unterstützen Sie die Innovationsentwicklung?

Das Innovationsmanagement wird zusammen mit dem Produktmanagement noch strategischer ausgerichtet, um aus Trends Ideen und Innovationen zu destillieren, die zu Beratungsprodukten weiterentwickelt werden, die letztendlich Umsatz erzeugen. Das Wissensmanagement unterstützt bei der Strukturierung des Produktkatalogs, der Verankerung von Produktmanagern und der Durchführung von Ideen- und Innovationswettbewerben. Final wird das so generierte Wissen über die Wissensmanagementplattform allen Mitarbeitern zur Verfügung gestellt.

Wo liegen die Vor- und Nachteile Ihres Berufs?

Man kann sehr viele Themen proaktiv und eigenverantwortlich anstoßen und seine eigenen Vorstellungen stärker als in anderen Servicebereichen einbringen. Zugleich ist dies auch ein Nachteil: man steht immer wieder unter Rechtfertigungsdruck und muss einen hohen Kommunikationsaufwand betreiben, um Kollegen von der Notwendigkeit von Veränderungen zu überzeugen.

Deutlich wurde dies u.a. bei der Neukonzeption der Kollaborations- und Wissensmanagementplattform. Bestehende Prozesse wurden hinterfragt und neue Bedarfe in Systeme und Prozesse umgesetzt. Dabei wurden u.a. neue Regeln definiert, welches Wissen zukünftig allen zur Verfügung gestellt werden muss, damit die Organisation von den Erfahrungen profitiert. Der Aufwand, die neuen Maßnahmen zu kommunizieren und zu verankern war in etwa so hoch wie die Konzeption und technische Umsetzung.

Wie sehen Sie die Zukunft Ihres Berufs? 

Der Beruf des Knowledge Managers ist seit Jahren im Wandel. Die Tätigkeiten werden häufig auch im Bereich Qualitätsmanagement, HR (vor allem Personalentwicklung) oder Unternehmensentwicklung durchgeführt, weshalb Stellen mit dem Titel „Knowledge Manager“ eher selten zu finden sind. Trotzdem gibt es immer einen Bedarf, Wissen zu erheben, strukturieren und allen Mitarbeitern zur Verfügung zu stellen. Dabei kommt auf den Wissensmanager die Aufgabe zu, Komplexität zu reduzieren und für sich und die Mitarbeiter eine gute Übersicht zu schaffen.

Neben diesen Basics ist es wichtig, Herausforderungen der Digitalisierung (Big Data, Mobile Computing, künstliche Intelligenz) im Auge zu behalten und die Bedeutung für die Organisation und speziell für die Mitarbeiter zu erkennen. Dies ist eine Herausforderung, vor der viele Wissensmanagement-Abteilungen stehen: neue Konzepte und Trends zu erfassen, hinsichtlich der Relevanz und des Nutzens für die Organisation zu bewerten und – wenn sinnvoll – die Umsetzung so zu begleiten, dass sie sich in bestehende Strukturen und Kulturen einfügt.

Wie profitieren Sie beruflich von Ihrem Soziologie-Studium?

Aus dem Soziologiestudium benötige ich in erster Linie die Kompetenz, mich in neue Themen schnell einzuarbeiten, komplexe Zusammenhänge zu verstehen und mit Unsicherheiten umgehen zu können. Dabei steht häufig im Vordergrund, wie Gruppendynamiken sich auf Prozesse und Systeme auswirken können und welchen Einfluss (soziale) Netzwerke und Kommunikation auf wirtschaftliche Prozesse haben. 

Ein Grundverständnis von den Abläufen eines Wirtschaftsunternehmens wurde mir durch mein Nebenfach vermittelt. Fachwissen über wirtschaftswissenschaftliche Themen – speziell zu Produktthemen – habe ich mir nach und nach angeeignet. Auch dies ist eine Fähigkeit, die ich im Soziologiestudium erworben habe: neugierig und offen für neue Themen und Inhalte zu bleiben.

Was raten Sie Studierenden, die sich für eine Stelle als Knowledge Manager interessieren? 

Studierende sollten sich wenn möglich im Rahmen einer Studienarbeit mit dem Thema vertraut machen und ein Praktikum absolvieren, um ein besseres Gefühl für den praktischen Alltag eines Wissensmanagers zu entwickeln. 

Aufgrund des eher eingeschränkten Stellenangebots für Wissensmanager ist es empfehlenswert, sich ein zweites Standbein zu schaffen. Dies kann das Thema Innovationsmanagement, Personalentwicklung oder Research sein.

Vielen Dank für das Gespräch!

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Veröffentlicht am: 01. August 2017