Dr. Pascal Geißler
Kategorie: Verbände & Parteien
Referatsleiter in der Studienförderung der Hans-Böckler-Stiftung

Dr. Pascal Geißler

Nach meinem Studium an der Universität Essen habe ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie und Soziologische Theorie angefangen und dort auch promoviert. Als meine Stelle auslief, habe ich nach neuen Wegen gesucht, im Hochschulkontext zu arbeiten, ohne aber direkt an einer Hochschule angestellt zu sein. Heute arbeite ich in der Studienförderung der Hans-Böckler-Stiftung, einem der 13 durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Begabtenförderwerke, und betreue Stipendiat*innen in den Fachclustern Ökonomie und Gesundheit/Medizin.

Wie haben Sie zur Soziologie gefunden?

Zur Soziologie bin ich über einen Umweg gekommen. Ich habe an der Universität in Essen (heute fusioniert zur Universität Duisburg-Essen) eigentlich Kommunikationswissenschaft studiert, die Sozialwissenschaften waren nur ein Magister-Nebenfach. Im Laufe des ersten Semesters habe ich aber festgestellt, dass viele Dinge in der Kommunikationswissenschaft als gegeben hingenommen wurden, die in der Soziologie ständig Thema waren und die mich beschäftigt haben, z.B. das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft oder die Entstehung von Regeln und Normen. Daher habe ich dann nach zwei Semestern das Neben- zum Hauptfach gemacht und mich in die Soziologie vertieft.

Wie sind Sie an Ihren Job in der Studienförderung bei der Hans-Böckler Stiftung gekommen?

Es wäre gelogen zu sagen, dass ich gezielt auf diese Stelle hingearbeitet habe - auch wenn es am Ende vielleicht so aussieht. Die Hans-Böckler-Stiftung kannte ich v.a. über ihre Publikationen, und da ich außerdem schon länger ehrenamtlich politisch aktiv bin, waren mir die inhaltlichen Positionen der Gewerkschaften und der Stiftung nicht fremd.

Als ich dann auf Stellensuche war und sich die Option ergab, in der Studienförderung zu arbeiten, passte einfach vieles zusammen: die inhaltliche Ausrichtung der Stiftung, mein Wunsch nah am Wissenschaftsbereich zu bleiben und die Möglichkeit, inhaltlich an Themen zu arbeiten, mit denen ich mich auch an der Uni schon befasst habe.

Wie sieht Ihr typischer Arbeitstag in der Studienförderung aus?

Es sind eigentlich drei Dinge, die meine Arbeit ausmachen. Zunächst einmal natürlich die Förderung und Beratung unserer Stipendiat*innen. Da geht es darum, wie der weitere Studienverlauf geplant wird, um die eigenen Ziele zu erreichen. Es geht um Auslandsaufenthalte oder welche Folgen eine nicht-bestandene Prüfung haben.

Neben den Stipendien bieten wir den Stipendiat*innen eine ideelle Förderung, d.h. Seminare zu verschiedenen Themen, von Schlüsselqualifikationen bis hin zu gesellschaftspolitischen Fragen. Einen Teil dieser Seminare organisiere ich. Dazu suche ich Tagungsorte und Referent*innen und stelle ein Programm zusammen. Dazu ist es natürlich notwendig sich in Themen einzuarbeiten, manche Tage verbringe ich also mit Recherche und Lektüre, auch in unserer hauseigenen Bibliothek.

Und schließlich führe ich die Seminare dann durch, z.B. reise ich im Herbst mit Stipendiat*innen nach Tunesien, um uns vor Ort einen Eindruck über die gesellschaftliche und politische Situation zu verschaffen.

Wie entscheiden Sie, welche Studierende eine Förderung erhalten?

In die Auswahl neuer Stipendiat*innen sind neben der Stiftung auch die Gewerkschaften, unsere Vertrauensdozent*innen an den Hochschulen und Stipendiat*innen in den Auswahlgremien beteiligt. Dabei geht es um gute bis sehr gute Studienleistungen, gesellschaftliches Engagement und eine Würdigung der individuellen Biographie. Dieser Prozess läuft in einem eigenen Referat, ich betreue nur Stipendiat*innen die bereits erfolgreich aufgenommen wurden.

Wie kann man sich eine Studienberatung vorstellen?

Unsere Stipendiat*innen schreiben regelmäßig Semesterberichte, in denen sie ihren Studienverlauf reflektieren. Wenn mir in diesen Berichten etwas auffällt, z.B. Probleme im Studium oder auch besondere Interessen für die wir vertiefende Seminarangebote haben, rufe ich die Stipendiat*innen an oder lade sie zu einem Gespräch ein. Ziel der Beratung ist immer, die Stipendiat*innen darin zu unterstützen ihre eigenen Ziele zu erreichen und nicht, ihnen zu diktieren, was ihre Ziele sein sollten.

Wie läuft die Seminarplanung für die Stipendiat/innen ab?

Die Seminararbeit macht sicher die Hälfte meines Jobs aus, in den Hochphasen auch mal mehr. Unsere Seminare sind ein freiwilliges Angebot, aber wir ermutigen die Stipendiat*innen natürlich daran teilzunehmen und weisen sie manchmal auch gezielt auf einzelne Veranstaltungen hin. Bei den meisten Seminaren entscheide ich über das Thema und die konkrete Ausgestaltung, stimme mich aber mit meinen Kolleg*innen ab, um Überschneidungen zu vermeiden.

Ich versuche dabei aber auch immer zu berücksichtigen, welche Anregungen von den Stipendiat*innen z.B. in anderen Seminaren oder in Gesprächen kommen oder welche Fragen gerade in der Öffentlichkeit diskutiert werden. Innerhalb der Fachcluster gibt es außerdem das sogenannte Fachcluster-Treffen, das einmal jährlich stattfindet und bei dem die Stipendiat*innen das Thema und die Inhalte selbst bestimmen - da helfe ich dann nur noch bei den organisatorischen Fragen. So ist z.B. das Seminar für das Cluster Gesundheit/Medizin zu E-Health und Gesundheitsapps im nächsten Jahr entstanden.

Ansonsten bin ich für die Durchführung komplett verantwortlich, d.h. ich recherchiere geeignete Referent*innen und Kooperationspartner oder Programmpunkte, z.B. für Exkursionen, und schaue, wo das Seminar sinnvoll durchgeführt werden kann.

Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit besonders gut? 

Es macht Spaß zu sehen, wie junge Menschen im Studium Fortschritte machen und wie sie sich auch persönlich entwickeln. Und natürlich ist es eine tolle Möglichkeit, sich breit in unterschiedliche Themen einarbeiten zu können und daraus Seminare zu entwickeln. Die Kunst ist, dabei nicht den Überblick zu verlieren und Themen so zu gestalten, dass sie auch für Dritte interessant bleiben.

Können Sie parallel zu Ihrer Arbeit publizieren? Wenn ja, wo liegt der Unterschied zu einer Stelle als Wissenschaftlicher Mitarbeiter?

Einige meiner Kolleg*innen publizieren recht regelmäßig, ich selbst bin im Moment nicht so aktiv. Ich bin erst seit 2 Jahren hier und habe zu Anfang versucht, gut in die neuen Aufgaben hineinzufinden. Der Unterschied zu einer WiMi-Stelle ist sicher, dass sich unsere Publikationen nur in geringem Maße direkt aus dem Job ergeben - viele führen einfach Forschungsinteressen oder thematische Leidenschaften privat fort. Wir haben keine eigene Forschungsagenda und der Fokus unserer Arbeit liegt auf den Stipendiat*innen, nicht auf eigenen wissenschaftlichen Zielen.

Welche Kompetenzen benötigen Sie für Ihren Beruf, die Ihnen im Soziologie-Studium vermittelt wurden?

Ich interessiere mich in der Soziologie v.a. für Gesellschaftstheorie und moderne Gesellschaftsdiagnosen und habe zur Ökonomisierungsthese promoviert. Dieses Hintergrundwissen ist hilfreich, denn unsere Seminare sollen ja an konkrete gesellschaftliche Debatten anschließen und diese einordnen. Von daher versuche ich auch fachlich auf dem Laufenden zu bleiben und z.B. die DGS-Kongresse oder gelegentlich Sektionstagungen zu besuchen, um neue Projekte und Forscher*innen kennenzulernen.

Außerdem habe ich im Studium und während der Arbeit am Lehrstuhl gelernt, mich schnell in Themen einzuarbeiten, wichtige Texte oder Akteur*innen zu identifizieren und einen Überblick über Debatten zu bekommen. Gerade wenn ich mich in der Stiftung einem neuen Thema widme greife ich darauf natürlich zurück.

Welche Fähigkeiten mussten Sie sich selbst aneignen? 

Am meisten musste ich lernen, wie man Akten führt und Verwaltungsvorgänge dokumentiert - das war schon ein Crashkurs. Unsere Förderung beruht ja auf Vorgaben des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), da müssen die Vorgänge dann auch ordentlich dokumentiert und nachvollziehbar sein. Aber ich glaube, eine spezifische Form von Verwaltungswissen benötigt man in jedem Job.

Was raten Sie Studierenden, die sich für eine Stelle bei einer Stiftung interessieren?

Wenn man für Stiftungen arbeiten möchte, sollte man sich natürlich mit deren Hintergrund befassen: wie wird die Stiftung finanziert und was ist ihr Zweck laut Satzung. Ansonsten würde ich eher einen allgemeinen Tipp geben. Man sollte sich überlegen, an welchen Dingen man Spaß hat und welche Themen einen faszinieren. Und sich dann überlegen, in welchen Jobs und bei welchen Arbeitgebern man diese Dinge tun kann. Dann findet man schneller interessante Stellen, als wenn man versucht Ausschreibungen zu finden, in den konkret nach bestimmten Studienfächern gefragt wird.

Vielen Dank für das Gespräch!

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Veröffentlicht am: 31. August 2017