Alexander Schiller
Kategorie: Gesundheitswesen & Soziales
Pflichtpraktikum in der Flüchtlingshilfe

Alexander Schiller

Ich studiere Soziologie im Master an der Uni Halle (Saale) und habe im vergangenen Jahr ein einmonatiges Pflichtpraktikum in der Flüchtlingshilfe in Leipzig absolviert. Dort arbeitete ich in einem Patenschaftsprogramm, das Integrationspatenschaften zwischen Bürgern der Stadt Leipzig und Geflüchteten vermittelt. 

Aus welchen Gründen hast du dich zu einem Soziologie-Studium entschlossen? 

Mein erster Berührungspunkt mit der Soziologie war ein Grundlagenseminar zum Thema Soziologische Zeitdiagnosen, das ich während meines Bachelorstudiums der Sozialen Arbeit belegte. Rückblickend würde ich die Erkenntnisse aus diesem Seminar, als ein Schlüsselerlebnis für mein weiteres – dann vertiefendes – soziologisches Interesse bewerten.
 
Letztlich haben mich die sehr breit gefächerten und stark anwendungsorientierten Ausbildungsinhalte der Sozialen Arbeit dazu motiviert, meine ohnehin bestehende Neugierde für gesellschaftliche Zusammenhänge, in einem stärker wissenschaftlich orientierten Rahmen zu vertiefen.
 
Das Studium der Soziologie erschien mir damals als eine geeignete Möglichkeit, mein vorhandenes Interesse mit dem theoretischen Wissen des Grundstudiums zu verknüpfen. Ich hatte deshalb auch weniger einen späteren beruflichen Nutzen des Soziologie-Masters im Blick, vielmehr stand ein persönliches Interesse am Fach im Vordergrund.
 
Und da ich mich am Ende meines Masters befinde – ich bin derzeit mit der Anfertigung meiner Abschlussarbeit beschäftigt – kann ich voller Überzeugung behaupten, dass sich dieser Schritt gelohnt hat. Nach der Bewerbungsphase war ich in der glücklichen Situation zwischen einigen Masterstudiengängen wählen zu können und entschied mich für den Standort Halle (Saale) und den Master an der dortigen Martin-Luther-Universität.
 
Da mir dieser Master eine Schwerpunktlegung im Bereich der Bildungssoziologie ermöglichte, erwiesen sich viele der Studieninhalte meines Bachelorstudiums als anschlussfähig. Neben einer guten methodischen Ausbildung boten sich zudem weitere interessante Vertiefungsmöglichkeiten (u.a. Sozialstrukturanalyse) an.
 

Du hast ein Praktikum in der Flüchtlingshilfe absolviert. Wie kam es dazu?

Der Master in Halle sieht, wie mittlerweile viele Soziologiestudiengänge in Deutschland, ein studienbegleitendes Praktikum vor. Zwar waren mögliche Berufs- und Organisationsfelder durch das dortige Institut als Orientierung vorgegeben.

Die Wahl des Praktikums kann jedoch durch die Absprache mit einem verantwortlichen Praktikumsbetreuer, weitgehend selbstständig getroffen werden. Studierenden ist es ebenso freigestellt, ob sie ein eher forschungs- oder anwendungsorientiertes Tätigkeitsfeld bevorzugen. 

Die Idee für ein Praktikum in der Flüchtlingshilfe resultierte aus der Medienberichterstattung der damaligen Zeit. Die Themen Zuwanderung und zivilgesellschaftliches Engagement wurden nahezu täglich durch unterschiedliche Medienformate aufgegriffen. Zudem spitzte sich die politisch und gesellschaftlich geführte Debatte um ein Für und Wider der Zuwanderung und über Grenzen der Aufnahmebereitschaft zu. Mir war es wichtig, dem Thema unter der Prämisse eigener Erfahrungswerte zu begegnen – frei nach der Devise „Mach dir selbst ein Bild“. Natürlich stand dabei auch das Bedürfnis im Vordergrund, einen persönlichen Unterstützungsbeitrag zu leisten.

Dabei war es mir wichtig, das Praktikum innerhalb einer Einrichtung zu absolvieren, die sich eher dezentral, also abseits der behördlich-kommunalen Regeldienste organisiert, um einen möglichst unmittelbaren Eindruck von der Arbeit zu bekommen. So bewarb ich mich vor allem bei kleineren gemeinnützigen Vereinen und Initiativen. Daraufhin bekam ich umgehend eine Zusage von einem Verein, der sich auf kommunale Vermittlungsangebote für Geflüchtete spezialisiert hat, die ergänzend zu klassischen Integrationsangeboten konzipiert sind. 

Welche Aufgaben hast du während deines Praktikums übernommen?

Während meines Praktikums arbeitete ich in einem Patenschaftsprogramm, das mit der Vermittlung von Integrationspatenschaften zwischen Geflüchteten und Bürgern der Stadt betraut war. Diese Patenschaften sind nach dem Tandem-Prinzip konzipiert. Hierzu stellt eine Person oder eine Gruppe von Personen alltagspraktische und kulturvermittelnde Hilfestellungen für Geflüchtete bereit.

Das Projekt will in erster Linie eine Plattform für Begegnungen zwischen Einheimischen und Geflüchteten initiieren. Es betont dabei einen gleichberechtigten Austausch, von dem alle beteiligten Personen auch gleichermaßen profitieren.    

Meine Aufgabe bestand im Wesentlichen darin, die Registrierungs- und Vermittlungsabläufe dieser Patenschaften zu übernehmen. Hierzu musste einerseits Kontakt zu Interessenten aus der Stadtbevölkerung hergestellt (z.B. durch öffentliche Informationsveranstaltungen) und die Programmregistrierung seitens der Gruppe der Geflüchteten geleistet werden.

Zudem mussten alle Personen vor der Vermittlung in die Patenschaften kleinere Briefings durchlaufen, die ich gemeinsam mit anderen Mitarbeitern des Projektes durchführte. Durch das Matching-Prinzip wurden daraufhin mögliche Patenschaftskonstellationen ermittelt, die dann im Rahmen von Erstbegegnungen zusammengeführt wurden.  

Da die Menge der zu verwaltenden Daten keine unerhebliche war, ging mit der Registrierungs- und Vermittlungsarbeit auch die Pflege der internen Datenbank einher.
In einem Praktikum arbeitet man natürlich auch stets den hauptamtlichen Mitarbeitern/innen zu und so übernahm ich außerdem verschiedene administrative Tätigkeiten, die innerhalb einer Vereinsarbeit täglich anfallen.

Wie sah dein typischer Arbeitstag in der Flüchtlingshilfe aus?

Das Praktikum fiel in einen Zeitraum, in dem Freiwilligenangebote im Bereich der Flüchtlingshilfe auf eine sehr große Resonanz stießen und daher war die Auslastung des Patenschaftsprojektes entsprechend hoch. Aus diesem Grund lag der Kern der täglichen Arbeit in den zuvor beschriebenen Aufgaben der Registrierungs- und Vermittlungsabläufe.
 
Da es sich bei dem Verein um eine kleine NGO handelte, die über nur wenige hauptamtliche Mitarbeiter/innen verfügte, ging es vor allem auch darum, sich selbstständig in Arbeitsprozesse einzubringen. Es gab demnach eine weniger strikte Trennung von Aufgabenbereichen, wie sie in vergleichsweise größeren Organisationen vorzufinden ist.

Aus diesem Grund fand man sich oftmals an der gleichzeitigen Bearbeitung mehrerer Aufgaben wieder. Die Arbeitstage waren geprägt durch einen angenehmen Mix aus administrativen Tätigkeiten und der stetigen Interaktion mit Menschen.

Würdest du sagen, dass das Praktikum nützlich für dich war?

Da ich in ein für mich komplett neues Arbeitsfeld eingetaucht bin, habe ich viele wichtige Erkenntnisse aus dem Praktikum mitnehmen können. Durch die stets kooperativen und komplementären Arbeitsabläufe konnte ich vor allem von der Kompetenz und dem Erfahrungsschatz meiner Kollegen/innen profitieren.

Das begann bei fachlichen Fragen, welche die Asylgesetzgebung und das Aufenthaltsrecht betrafen und mündete in ein umfassendes Verständnis über das Akteurs- und Handlungsfeld in dem sich die Arbeit des Vereins verortet. Jeder Arbeitstag brachte daher neue Erkenntnisse mit sich.

Zudem stand ich in pausenloser Interaktion mit Menschen, was mir vor allem das Gefühl gab, gebraucht zu werden. Die Erfahrung der Selbstwirksamkeit ist von wirklich wichtiger Bedeutung – ist man von Praktika doch auch anderes gewohnt. Das analytische und strukturierte Denken, welches ich in meinem Soziologiestudium täglich anwenden muss, hat mir sehr dabei geholfen, mich schnell in einem heterogenen Arbeitsumfeld zurechtzufinden.

Kannst du dir eine berufliche Zukunft in diesem Bereich vorstellen?

Die Ressourcenausstattung solch kleiner Integrationsprojekte ist allgemeinhin sehr beschränkt, deshalb ist es schwierig, hier eine berufliche Perspektive auszumachen. Viele der Stellen und Programme in diesem Bereich der Flüchtlingshilfe sind projektfinanziert und auf ehrenamtliche Strukturen angewiesen. Man müsste sich also mit der Dynamik des Arbeitsfeldes arrangieren.

Das kann für einen gewissen Zeitraum sicherlich reizvoll sein und auch funktionieren – gerade im Rahmen eines Praktikums. Eine berufliche Perspektive könnte ich mir allenfalls in der Anstellung für eine größere Organisation vorstellen, die es mir ermöglicht, auch eine langfristige persönliche Planung zu forcieren.    
 

Werden bewusst Soziolog/innen in der Flüchtlingshilfe gesucht oder sind Sozialarbeiter die begehrteren Kandidaten?

Für dieses Arbeitsfeld lässt sich gemeinhin das konstatieren, was für Soziologen/Innen auf dem gesamten außerwissenschaftlichen Arbeitsmarkt zutrifft: Es gibt kaum Stelleanzeigen, die sich explizit an Soziologen/innen richten. Es gibt jedoch vielfältige Berufsmöglichkeiten für Soziologen/Innen, da ja stets ein Organisationsbezug besteht und neben sozialer, auch viel politische Arbeit geleistet wird.

Es obliegt hier den Soziologen/Innen selbst, eine soziologische Relevanz des Praxisfeldes herzustellen – so meine Einschätzung. Soziologen/Innen die auf entsprechende berufliche Vorerfahrung verweisen können, haben es da naturgemäß einfacher.

Natürlich sind Sozialarbeiter/Innen in der Flüchtlingshilfe häufiger anzutreffen. Die Soziale Arbeit hat hier als interventionistische Profession einen klaren gesellschaftlichen Auftrag und deshalb richten sich viele der Stellen auch explizit an Sozialarbeiter/innen.

Was rätst du Studierenden, die sich für eine Stelle im Bereich der Flüchtlingshilfe interessieren? 

Ich denke mir, dass eine persönliche Eignung für eine Tätigkeit im Bereich der Flüchtlingshilfe seitens der Organisationen auch ohne fachliche Vorkenntnisse festgestellt werden kann. Da man viele Facetten der Arbeit erst „on the job“ erlernt, ist es entscheidender, ein persönliches Interesse an interkultureller Arbeit mitzubringen.

Wichtig sind dennoch soziale sowie emotionale Kompetenzen. Man sollte in jedem Fall über ein ausreichendes Einfühlungsvermögen verfügen – steht man doch durchgehend mit Menschen in Kontakt, die sich zumeist in einer unsicheren Lebenssituation befinden und teils traumatischen Erlebnissen ausgesetzt waren. Dieser Belastung sollte man sich bewusst sein. 

Die Arbeit in der Flüchtlingshilfe ist in jedem Fall eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe und Diskretion ist daher auch das oberste Gebot. Letztlich muss Studierenden, die sich für ein solche Tätigkeit entscheiden, bewusst sein, dass man täglich Menschen unterschiedlichster Nationalität begegnet. Daher sind interkulturelle Kompetenzen von entscheidendem Vorteil – natürlich zählen hierzu auch Sprachkompetenzen.

Da die Flüchtlingshilfe für sich betrachtet viele unterschiedliche Arbeitsbereiche vereinnahmt, die wiederum verschiedene Konzeptionen, Zielsetzungen, Zielgruppen und Themenschwerpunkte mit sich bringen, lohnt es sich, vorab genaue Informationen über die möglichen Tätigkeitsfelder einzuholen.

Vielen Dank für das Gespräch!
 

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Veröffentlicht am: 31. Mai 2018