Stella Rauscher
Kategorie: Gesundheitswesen & Soziales
Erasmus-Tutorin & Koordinatorin in der Flüchtlingshilfe

Stella Rauscher

Parallel zu meinem Master in Soziologie an der Universität Duisburg-Essen arbeite ich mehr als 30 Wochenstunden. Einerseits bin ich als Erasmus-Tutorin beim TSC tätig, andererseits als Koordinatorin in der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe bei der Arbeiterwohlfahrt.

Was hat dich motiviert, Soziologie zu studieren?

Eher unbewusst und zufällig habe ich mich eigentlich schon sehr früh mit sozialwissenschaftlichen Fragestellungen beschäftigt. Angefangen auf der Realschule mit dem Schwerpunkt Sozialwissenschaften seit der siebten Klasse bis hin ins Abitur, wo ich Sowi als viertes Prüfungsfach gewählt hatte.

Schon damals habe ich mich also mit Becks Individualisierungsthese oder den gesellschaftlichen Auswirkungen des Klimawandels auseinandergesetzt. Und immer stand die Frage für mich im Raum: “In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich?“.

Nach dem Abitur wusste ich dann aber trotzdem noch nicht so wirklich, was ich beruflich einmal machen möchte -  verständlich bei so viel Auswahl und dem jungen Alter. Auch wollte ich raus aus der Kleinstadt, sodass ich dann erstmal für ein Jahr als Au-Pair nach England gegangen bin.

Das war klasse, aber danach war ich immer noch nicht wirklich schlauer und bewarb mich für ganz unterschiedliche geistes- und gesellschaftswissenschaftliche Studiengänge in NRW. Der Brief der Universität Duisburg-Essen mit der Zulassung zum Soziologie Studiengang war dann der Erste im Briefkasten und somit bin ich hier in Duisburg gelandet.

Was genau Soziologie ist und was man mit einem solchem Studium einmal alles anfangen kann, wusste ich damals noch nicht. Als “klassisches Arbeiterkind” war die Uni für mich eh ein neuer Lebensraum, in dem ich mich erstmal zu Recht finden wollte. Dafür habe ich mir mehr als die vorgesehenen 6 Semester Zeit genommen, immer nebenher gearbeitet und bin mittlerweile im Master Soziologie mit dem Schwerpunkt Gesellschaftsvergleich und Transnationalisierung sehr gut angekommen und glücklich über meine doch irgendwie zufällige Studienfachwahl.

Wie bist du an die Stelle als Erasmus-Tutorin gekommen?

Für die Frage - eigentliche für alle Fragen hier - muss ich ein bisschen ausholen, führte doch jede neue Erfahrung zu immer neuen Möglichkeiten, ganz typisch für SoziologInnen wie ich finde.

Bereits seit Beginn meines Studiums habe ich mich im Fachschaftsrat engagiert und lernte somit nicht nur meine Fakultät, sondern auch die Strukturen und Institutionen einer Universität sehr gut kennen. Seit dem dritten Semester arbeitete ich dann auch als studentische Hilfskraft an der Fakultät, mal als Tutorin oder am Forschungsinstitut.

Über mein eigens Erasmus-Semester in Schweden, welches ich in meinem fünften Semester absolvierte, intensivierte sich dann auch den Kontakt sowohl zum Akademische Auslandsamt meiner Uni und als auch zur Internationalen Koordination meiner Fakultät. Und genau bei Letzterem suchte man nach meinem Auslandssemester eine SHK für 19 Stunden in der Unterstützung der Internationalen Koordination.

Hier arbeite ich ein Jahr lang, ging danach für ein halbes Jahr nach Bonn für ein Praktikum beim Deutschen Akademischen Austauschdient (DAAD) und unterstützte ebenfalls für zwei Semester über unser Buddy-Programm ausländische Studierende beim Ankommen an unserer Uni.

Mit all diesen Erfahrungen im Bereich der Internationalen Koordination und dem Kontakt zu internationalen Studierenden, habe ich dann beim TutorenServiceCenter(TSC) des Akademischen Auslandsamt meiner Uni als Erasmus-Tutorin angefangen, erst als SHK und nun mit BA-Abschluss als WHK.

Ich hatte Glück schon so viele Erfahrungen in diesem Bereich sammeln zu können, aber das ist keine zwingende Voraussetzung. Es ist aber natürlich von Vorteil bei der Betreuung der internationalen Studierenden, wenn man selbst einmal im Ausland studiert hat, weiß wie es ist und auch gut Englisch sprechen kann.

Welche Aufgaben hast du als Erasmus-Tutorin?

In jedem Winter-und Sommersemester kommen jeweils für ein oder zwei Semester viele ausländische Studierende zu uns an die Uni und diese betreuen wir im TutorenServiceCenter bzw. im Akademischen Auslandamt. Ich plane gemeinsam mit KollegInnen eine Orientierungswoche für die Incomings, halte Vorträge, unterstütze beim bürokratischen Papierkram, biete regelmäßige Sprechstunden an oder plane gemeinsame Aktionen und regelmäßige Stammtische. All dies in einem tollen Team.

Als Erasmus-Tutorin stehe ich im guten Kontakt mit den Studierenden, trage z.B. Verantwortung dafür, dass die Studierenden sich am Anfang gut zurecht finden oder eine Krankenversicherung haben, erhalte dabei aber die Rückendeckung und Unterstützung des Teams und des Akademischen Auslandsamt. Auch muss ich nichts unterschreiben und kann mich bei besonderen kniffeligen Fragen auch immer an meine KollegInnen wenden. Insgesamt eine gute und richtige Mischung für einen WHK Job.

Wo liegen die Vor- und Nachteile bei deinem Job als Erasmus-Tutorin?

Besonders gut gefällt mir der Kontakt zu den ausländischen Studierenden, die Arbeit zusammen im Team und das Gefühl den Studierenden besonders am Anfang helfen zu können. Während der Begrüßung der neuen Incomings erinnert man sich selbst auch immer wieder an die eigene Zeit im Ausland und freut sich dann über die Dankbarkeit, die man in den Gesichtern sieht, wenn man erklärt, wie das denn nun mit dem Semesterticket funktioniert.

Und über den regelmäßigen Kontakt zu den Studis entstehen auch hier und da mal Freundschaften, über die man dann auch mal vergünstigten Urlaub in Frankreich und Spanien machen kann ☺ Dies ist natürlich nicht meine Hauptmotivation, ist es doch am schönsten auf diese Weise den Horizont zu erweitern und neue Menschen kennen zu lernen.

Mittlerweile sind viele Aufgaben natürlich auch etwas routiniert, die Studis kommen und gehen und es sind natürlich meistens die gleichen Inhalte und Fragen um die es geht, aber trotzdem macht es mir immer noch sehr viel Spaß, jedes Semester aufs Neue.

Zusätzlich arbeitest du in der Koordination der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe bei der AWO. Wie hast du diesen Job gefunden? 

Kennen gelernt habe ich die AWO und die Projekte der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe noch als ehrenamtlich Aktive selbst, als ich einmal wöchentlich in einer Flüchtlingsunterkunft bei mir in der Nähe Kinder ehrenamtlich betreut haben. Zur Unterstützung der ehrenamtlichen Aktiven werden diese alle 6-8 Wochen zu Austauschtreffen in der AWO eingeladen. Man tauscht sich aus, erhält Infos über die aktuelle Situation oder kann auch einfach Fragen stellen.

So habe ich dann auch erfahren, dass meine jetzige Kollegin Unterstützung sucht in der Koordination der Projekte. Ich habe mich beworben, wurde noch ohne BA-Abschluss eingestellt und arbeite nun schon seit zwei Jahren als Koordinatorin der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe, mittlerweile mit Abschluss ☺

Meine vorherigen (ehrenamtlichen) Erfahrungen, die SHK-Stellen und das Praktikum in Bonn haben sicherlich dabei geholfen diese Stelle zu bekommen, die so gar nicht geplant war, hatte ich kurz vorher doch auch die Stelle als Erasmus-Tutorin angenommen.

Und naja, ich denke wer Soziologie studiert, der beschäftigt sich auch mit aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen und diese werden nicht nur seit 2015 bestimmt durch transnationale Migrationsprozesse. Im Rahmen meines Studiums habe ich meinen Schwerpunkt wie gesagt auf transnationale Prozesse und Gesellschaftsvergleich gelegt und konnte auch ein Semester zuvor ein tolles Seminar bei einer Vertretungsprofessorin zum Thema Flucht und Migration belegen. Die Verbindung von Theorie und Praxis bestand und besteht immer noch.

Wie sieht dein typischer Arbeitstag bei der AWO aus?

Es gibt eigentlich keinen typischen Arbeitsalltag in dieser Stelle, da in der Arbeit mit Ehrenamtlichen (in der Flüchtlingshilfe) auch immer irgendwas Unvorhergesehenes passieren kann. Ein wirklich dynamisches Feld.

Dennoch bin ich eigentlich immer dreimal in der Woche in meinem Büro und habe mir mit der Zeit Routinen und Regelmäßigkeiten geschaffen. Im Wesentlichen bestehen meine Aufgaben aber in der Betreuung von Ehrenamtlichen und Geflüchteten in unseren Projekten. Neue Ideen kann ich dabei auch in die Projekte mit einfließen lassen.

Konkret führe ich Erstgespräche mit ehrenamtlichen Interessierten, konzipiere, organisiere und führe Austauschtreffen und Fortbildungen durch, fungiere als feste Ansprechperson für alle Ehrenamtlichen oder gestalte auch mal Informationsmaterial oder Flyer für Veranstaltungen.

Zu meinen Aufgaben zählen aber auch die - für mich sehr neue - Öffentlichkeits- und Pressearbeit, die Kooperation mit der Stadt und anderen Trägern oder auch das Einarbeiten in die große weite Landschaft der Vergabe von öffentlichen Mitteln bzw. in der Erstellung  von Verwendungsnachweisen für diese. Ist doch der Dritte Sektor immer mehr abhängig von Projektmitteln. 

Toll finde ich bei meiner Arbeit, dass ich Begegnungen schaffe zwischen ehrenamtlichen Aktiven und geflüchteten Menschen, durch die beide Seiten bereichert werden und gegenseitiges Verständnis geschaffen wird. Neu kennengerlernt habe ich besonders den Wettbewerb der sozialen Dienstleister, aber auch wie viel Ehrenamt die Missstände in der kommunalen Verwaltung auffängt.

Siehst du deine berufliche Zukunft bei einem deiner zwei momentanen Arbeitgeber?

Das weiß ich ehrlich gesagt noch nicht und hängt sicherlich auch von verschiedenen externen Faktoren ab, auf die ich selbst auch keinen Einfluss habe (Projektmittel vom Bund für Flüchtlingsprojekte usw.). Jetzt möchte ich mich aber auch noch nicht entscheiden und erst einmal meinen Master fertig machen.

Solange werde ich beide Jobs, wenn möglich, auch noch machen, schließlich muss man sich auch selbst versorgen. Mal gucken wer mir dann nach meinem Abschluss was anbietet oder welche neuen Möglichkeiten sich ergeben – mit einem MA-Abschluss und vier Jahren unterschiedlicher Berufserfahrung hoffe ich doch mal einige ☺ 

Wie hilft dir dein Soziologie-Studium bei deiner täglichen Arbeit?

Puh, sicherlich gute und wichtige Fragen, die ich mir auch schon oft gestellt habe. Mittlerweile kann ich aber selbstbewusst sagen, dass ich während meines Studiums sowohl Inhalte als auch Fähigkeiten gelernt habe, die so manch ein(e) Sozialpädagog/in vielleicht nicht hat.

Ich muss den Überblick behalten, aus vielen Informationen die wichtigsten Infos zusammentragen, ob für die Ehrenamtlichen oder die internationalen Studis. Dabei muss ich z.B. wissen, woher ich die Informationen beziehen kann. Ich verstehe wie die Gesellschaft aufgebaut ist, kenne die Strukturen und Institutionen, sehe Zusammenhänge und kann Informationen auch gut strukturiert aufbereiten.

Dabei hilft natürlich auch die Erfahrung von unzähligen mit PowerPoint gehaltenen Referaten und das freie Sprechen vor Menschen, vor allem wenn 150 internationale Studierende vor einem Sitzen. Natürlich „fehlt“ mir manchmal z.B. für die Arbeit mit Ehrenamtlichen oder Geflüchteten rechtliches Fachwissen oder pädagogische Grundlagen, aber ich wusste immer wo ich mir die benötigten Infos suchen kann und konnte mich wunderbar in neue Thematiken einarbeiten.

Und das macht auch wirklich Spaß. Hier und da eine zusätzliche Fortbildung hilft da natürlich auch. Und der Bezug zur Soziologie liegt für mich auf der Hand, ist diese doch die Lehre der Gesellschaft. Und gehören der international wissenschaftliche Austausch oder die ehrenamtliche Arbeit mit geflüchteten Menschen doch zunehmend zu unserer Gesellschaft. Und auch wenn ich mir immer wieder anhören muss, warum ich Soziologie und nicht Soziale Arbeit studiert habe, bereue ich es nicht und rechtfertige mich auch nicht mehr!

Mit mehr als 30 Stunden pro Woche arbeitest du fast Vollzeit. Wie ist das mit deinem Studium zu vereinbaren? 

Mir gefällt definitiv die Abwechslung, vor allem die zwischen Theorie und Praxis. So konnte ich meine Erfahrungen, die ich im Rahmen meiner Stelle bei der AWO sammeln konnte, bereits in ein Lehrforschungsprojekt in meinem Master mit einfließen lassen.

Im letzten Semester hab ich auch zwei Seminare zur Transnationalisierung von Hochschulen belegt, was ich wiederum super mit meiner Stelle beim TSC verbinden konnte. Aber natürlich ist auch immer viel zu tun, ohne Kalender, einer gut geplanten Woche und leider auch mal hier und da Abstriche im Privaten geht es nicht. Besonders Urlaube muss ich gut planen oder auch mal für Abgaben nutzen.

Es wird aber auch nicht ewig so weiter gehen für mich und derzeit genieße es noch, mich endlich selbst zu finanzieren, selbst entscheiden zu können, wie viele Seminare ich pro Semester belegen möchte oder wie lange ich noch studieren möchte. Ich kann noch weiter wissenschaftlich lernen, meine Neugierde stillen, muss und möchte noch nicht Vollzeit arbeiten und kann gleichzeitig die Praxis kennen lernen und unterschiedliche Berufserfahrung sammeln.

Was rätst du Studierenden, die sich für eine Stelle beim Akademischen Auslandsamt bzw. bei der AWO interessieren?

Hm, schwierige Frage, ich wusste ja zu Beginn meines Studiums auch gar nicht das ich einmal genau dort arbeiten würde, wo ich heute gelandet bin und dann auch noch so zweigleisig. Und es ist ja auch immer noch offen was noch so kommt bei mir.  

Wichtig ist glaube ich, dass man während des Studiums vielleicht nicht nur bei der Pizzeria um die Ecke arbeitet und im vorherigen vertrauten sozialen Umfeld bleibt (oder nur in gewissen Maße), sondern das Studium, die Interessen und ein etwaiger Nebenjob irgendwie miteinander verbindet. Und wenn man noch nicht genau weiß, was einem nun gefällt oder wo der Schwerpunkt liegen soll, hilft es besonders sich auszuprobieren – ob übers Auslandssemester, mehr Semester, Ehrenamt, Praktika oder Nebenjobs.

Über diese Erfahrungen ergeben sich ja vielleicht neue Möglichkeiten, so wie bei mir. Und manchmal kann man sich auch noch nicht festlegen auf einen Schwerpunkt, das finde ich auch okay, schließlich ist unsere Welt ja auch so komplex und voller interessanter Wege. Letztendlich ist aber auch das Vertrauen in einen selbst wichtig, um irgendwie den Spagat als Soziolog/in hinzubekommen zwischen den so vielen tollen Möglichkeiten und dem nicht vorhandenen klaren Berufsfeld. Dafür braucht man vielleicht auch mal mehr Zeit als sechs Semester und vor allem auch das Gefühl, das besonders heutzutage Soziolog/innen besonders gebraucht werden!!!!

Vielen Dank für das Gespräch!

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Veröffentlicht am: 24. Februar 2018