Hanna Slowinski
Kategorie: Gesundheitswesen & Soziales
Mitarbeiterin in der Muttersprachlichen Seelsorge

Hanna Slowinski

Nach meinem Soziologie Studium in Hannover arbeite ich heute beim Bistum Hildesheim als koordinierende Mitarbeiterin im katholischen internationalen Zentrum und als Mitarbeiterin in der muttersprachlichen Seelsorge. Gleichzeitig promoviere ich an der Hochschule Fulda an der theologischen Fakultät. 

Aus welchen Gründen hast du dich zu einem Soziologie-Studium entschlossen?

Nachdem Abitur stand ich - wahrscheinlich wie jeder junge Mensch - vor einer großen Auswahl an Studiengängen, Möglichkeiten und potentiellen Ausbildungswegen und konnte mich erst einmal gar nicht entscheiden, was ich genau machen möchte.

Meine Mutter war in dieser Phase des Suchens nach dem richtigen Ausbildungsweg eine wichtige Person, sie kam auf die Idee: „Versuche es doch mit Soziologie“. Fand ich spannend. Ich begann mich damit auseinander zu setzen was Soziolog*innen ausmacht, welche Inhalte und Kompetenzen ein Soziologie Studium vermittelt und welche Berufsmöglichkeiten- und perspektiven wir als Soziolog*innen haben. 

Ausschlaggebend für ein Soziologie Studium war schließlich, dass ich Sozialpsychologie als einen meiner Schwerpunkte im Hauptstudium wählen konnte. Das menschliche Erleben und Verhalten im sozialen Kontext zu erforschen und zu ergründen hat mich fasziniert. Der Mensch und sein Sozialverhalten ein spannendes Gebiet. Soziologie und Sozialpsychologie, so beschloss ich, sollten als Dream Team fungieren, um später einmal auf dem Arbeitsmarkt gute Chancen zu haben. 

In meiner Entscheidungsphase machte ich ebenso ziemlich schnell mit dem Taxifahrer Klischee Bekanntschaft und ebenso mit Prognosen wie „na dann studierst du ja in die Arbeitslosigkeit hinein- herzlichen Glückwunsch“. Beängstigend fand ich diese Kommentare allemal. Und dennoch: ich schrieb mich für Soziologie ein. Ich wollte die vielen Möglichkeiten und Themenschwerpunkte die ein Soziologie Studium bieten kann, als Chance wahrnehmen und eine möglichst umfangreiche und gute Ausbildung in Anspruch nehmen.

Wie verliefen dein Studium und der Berufseinstieg?

Ich empfand im Laufe meines Studiums die Soziologie Klischees - je nach Phase im Studium – mal als beängstigend und mal als absoluten bull shit. Ich sah mich nach der Studienzeit in einer Arbeitslosenstatistik gelistet oder eben Taxi fahrend meinen Unterhalt verdienend und wollte deshalb meine Studienzeit und meinen Lebenslauf mit möglichst vielen „nice and must to haves“ aufpolieren. Und meinem zukünftigen Arbeitgeber wollte ich möglichst viele Argumente für meine Person an die Hand geben. So ist mein Lebenslauf während meiner Studienzeit an der Leibniz Universität Hannover von unterschiedlichen Erfahrungen geprägt:

Zunächst einmal durfte ich als Hiwi im Bereich Personal- und Organisationsentwicklung in der Zentralen Einrichtung für Weiterbildung an der Leibniz Universität im Bereich Coaching, Supervision und Beratung, tätig werden. Ich durfte Workshops, Tagungen und Seminare thematisch vorbereiten und an diesen mitwirken, Dozent*innen und Teilnehmer*innen betreuen, den Themenbereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zum Thema Coaching ausbauen und einen Newsletter betreuen und leiten. 

Ebenso wurde ich für das Qualifizierungsprogramm „Mit Leibniz zu Bahlsen International“ der Leibniz Universität Hannover ausgewählt. Hier durften Geistes- und Sozialwissenschaftler*innen  BWL Bausteine (internationales Marketing, Controlling, Projektmanagement etc.) kennenlernen und diese in unterschiedlichen Modulen vertiefen. Geisteswissenschaftler*innen sollten im Laufe des Programms ganz konkret lernen wie die Wirtschaft funktioniert, Kontakte zu Unternehmen knüpfen und ihren beruflichen Einstieg vorbereiten. Der erworbene Qualifikationsmix sollte als Chance dienen, um sich von anderen Geistes- und Sozialwissenschaftler*innen abzuheben. Das fachliche und überfachliche Wissen gepaart mit sozialer Kompetenz sollten als „Schwimmhilfe“ dienen, um auf dem hart umkämpften Arbeitsmarkt als Soziolog*in nicht unterzugehen. 

Eine meiner nächsten Stationen war ein Praktikum in einer Online Marketing Agentur. Hier durfte ich für und mit Kunden Texte schreiben, diese zu strukturieren und zu korrigieren waren meine primären Aufgaben. Ich habe aber auch Blogbeiträge verfasst, Internetseiten gepflegt und musste lernen wie es ist unter Zeitdruck und unter Stress Ergebnisse für Kunden zu liefern. 

Nebst Praktika und studentischen Jobs, fehlt noch das ehrenamtliche Engagement das ich beim MARKET TEAM e.V. gelebt habe: Hier konnte ich ganz praxisnah mit diversen Unternehmen aus der Wirtschaft an interessanten Projekten arbeiten. Ich habe eine Firmenkontaktmesse mit sieben namenhaften Unternehmen aus Hannover und Region organisiert und war von der Planung bis hin zur Durchführung an allen Projektschritten beteiligt. Ich hatte die Projektleitung seitens des MARKET TEAMS inne. Das war ein tolle Erfahrung schon während des Studiums mit Personalern*innen von der TUI, Continental, Bahlsen uvm. zusammenzuarbeiten und von ihnen lernen zu dürfen.

Ich habe hier nicht nur an unterschiedlichen Projekten mitgewirkt aber auch im Vorstand die Arbeit der Initiative am Standort Hannover konkret mitgestaltet. Ich habe das Amt der Personalerin bekleidet und habe mich um unsere Mitglieder am Standort gekümmert, Marketing Aktivitäten geplant, um unsern Bekanntheitsgrad am Campus zu erhöhen und die Sitzungen des MARKET TEAMS thematisch vorbereitet.

Wie ging es nach dem Studium weiter?

Nach meinem Studium habe ich zunächst in einer Projektmanagement Agentur im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit gearbeitet. Den Agenturalltag fand ich zermürbend und nicht erfüllend. Daraufhin habe ich mich entschlossen einen Trainee im Bereich Bildungsmanagement (mit dem Schwerpunkt Personalmanagement) zu absolviert. Anschließend habe als Bildungsreferentin Auszubildende während ihrer Ausbildung betreut. Nachdem meine Tochter zur Welt gekommen ist, konnte ich an meinem Arbeitsplatz nicht mehr zurückkehren, weil meine Abteilung aus wirtschaftlichen Gründen, aufgelöst worden ist.

Ich musste mich also anderweitig orientieren und fand eine Anstellung beim Bistum Hildesheim, zunächst als Bildungsreferentin für den Kinder- und Jugendverband KjG. Nach drei Jahren ist mein Vertrag ausgelaufen und es begann für mich die Zeit des Suchens, des sich Orientierens und des sich Fragens welches Unternehmen und welcher Job der Richtige für mich seien. In dieser Zeit habe ich für mich festgestellt, dass für mich die Kirche als Arbeitgeber*in sein kann. 

Zurzeit bin ich beim Bistum Hildesheim als koordinierende Mitarbeiterin im katholischen internationalen Zentrum und als Mitarbeiterin in der muttersprachlichen Seelsorge tätig. 

Wie bist du an die Stelle in der kirchlichen Seelsorge gekommen?

Nachdem für mich nach der Geburt meiner Tochter die Rückkehr zu meinem Arbeitgeber nicht möglich war, habe ich überlegt, was mir bei meiner zukünftigen Arbeitsstelle wichtig ist. Meine Tochter sollte erst einmal nicht in der Krippe betreut werden, sondern durch meinen Mann und mich zu hause. 

Ich brauchte also einen Job der mir das ermöglichte. Einen Job mit flexiblen Arbeitszeiten und mit familienfreundlichen Strukturen und dennoch Herausfordernd. Ich bewarb mich beim Bistum Hildesheim als Jugendreferentin bei einem Kinder- und Jugendverband und wurde eingestellt. Ich hatte so die Möglichkeit meine Tochter zuhause zu betreuen und mit flexiblen Arbeitszeiten meinen Arbeitsalltag zu bestreiten. Diese Arbeitsstrukturen und die Familienfreundlichkeit sind in dieser Form in der freien Wirtschaft nicht besonders häufig zu finden. Also ein absolutes pro für die Kirche als Arbeitgeberin.

Im Laufe meiner Tätigkeit bei der KjG habe ich mich in die Kirche ein bisschen veknallt und hoffte darauf, dass es für mich nach dem befristeten Vertrag weitergeht. In der Wirtschaft arbeiten wollte ich nicht mehr, weil ich bei der Kirche nicht nur Strukturen vorgefunden habe, in denen ich gut arbeiten kann, sondern auch zunehmend Gefallen daran fand, Sinn stiftend tätig zu sein. 

Das Auslaufen meines Vertrages und die Monate danach waren für mich nicht ganz so einfach. Ich wusste, dass ich unbedingt bei der Kirche arbeiten möchte, allerdings ist das als Soziologin kein leichtes Unterfangen. Weil Kirche in andern Dimensionen denkt und eben Theolog*innen händeringend sucht und nicht Menschen mit einer anderen Profession. (Wobei ich ja finde, dass wir Soziolog*innen und sicherlich auch viele andere Fachrichtungen Kompetenzen mitbringen, die auch Kirche braucht).  Eigentlich sollte ich als Projetleiterin beim Institut für Talententwicklung anfangen, der Vertrag lag auf meinem Schreibtisch. Aber dann kam ein großartiger Anruf mit der Frage, ob ich wieder bei der Kirche arbeiten wolle. Und das wollte ich so gerne! Ich entschied mich für meine Kirche. 

Was genau sind deine Aufgaben im KIZH und in der muttersprachlichen Seelsorge?

Als koordinierende Mitarbeiterin im katholischen internationalen Zentrum darf ich mit der italienischen, kroatischen, der Spanisch sprechenden Gemeinde und der Ortskirche unter einem Dach arbeiten. Für mich gilt es innerhalb dieser Tätigkeit erst einmal viel Verwaltungstätigkeit zu erledigen. Vielleicht konkret ausgedrückt: den Ablauf des Lebens der Gemeinden unter einem Dach zu organisieren. Raumbuchungsanfragen zu beantworten, Koordination von Terminen und Projektteams bis hin zur Durchführung von Veranstaltungen ist diese Tätigkeit bunt durchmischt. 

Der andere Teil meiner Tätigkeit, nämlich in der muttersprachlichen Seelsorge beinhaltet, dass ich alle muttersprachlichen Gemeinden und die Sprachgruppen im Bistum Hildesheim kennenlernen darf. Ich erlebe, was es heißt im interkulturellen Kontext tätig zu sein und erfahre einmal mehr, wie herausfordernd es sein kann, Diversität im Einklang zu bringen und zu leben.

Was unterscheidet die Kirche von einem anderen Arbeitgeber?

Es sind zum einem die familienfreundlichen und auch die flexiblen Arbeitsstrukturen und natürlich der sinnstiftende Aspekt. Wichtig war für mich, dass ich einen Arbeitgeber habe, der familienfreundlich ist und bei dem ich auch flexibel und mit Freude an der Sache arbeiten kann. Ich habe meine festen Präsenzzeiten im Büro, allerdings kann ich -wenn mich der Workflow packt- auch abends oder am Wochenende arbeiten und das ist so großartig! Wichtig ist mir zu betonen: ich bin aber nicht nur aufgrund von passenden Rahmenbedingungen bei der Kirche oder weil ich es mir in diesem Kontext bequem und kuschelig machen möchte.

Ganz im Gegenteil, ich möchte für meine Kirche etwas leisten und in Bewegung bringen. Die genannten Rahmenbedingungen, ermöglichen es mir meine Arbeitskraft anders als in der freien Wirtschaft einzuteilen und durchaus mal kreative Arbeitsorte zu finden. Nämlich beispielsweise dann, wenn die Kinderbetreuerin ausfällt und ich nachmittags ein jour fixe mit einer Kollegin spontan auch auf einem Spielplatz stattfinden lassen kann. 

Wieso bist du als Soziologe so gut für den Job geeignet?

Im Studium habe ich gelernt mich gut zu organisieren, strukturiert zu arbeiten und auch den Überblick bei unübersichtlichen Situationen zu behalten. Das ist eine wertvolle Kompetenz, die mir in meinem Job zu Gute kommt.

Ich glaube, dass Soziolog*innen grundsätzlich für die Kirche wichtig sind, weil wir aus einem großen Kompetenzenpool schöpfen können. So können wir beispielsweise, religiöse und kirchliche Prozesse im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang verorten und entsprechend deuten. Auch unsere Kenntnisse empirischer Sozialforschung sind gefragt: Soziologi*nnen sind eine Art Sehhilfe für die Kirche, wenn es um unterschiedliche Formen und Ausprägungen von Religion, Glaube und Kirche geht. Wir sind aber auch kritische „Hinterfrager*innen“ und Fragensteller*innen und sind besonders sensibel für die drängenden Fragen der Gegenwart. Ich finde genau diese Kompetenzen sind so wichtig und wertvoll für die Kirche! 

Siehst du deine Zukunft in der Kirche? Welche Karrieremöglichkeiten gibt es?

Ich hoffe sehr, dass meine Zukunft der Kirche gehört. Zumindest kann ich es mir gar nicht anders vorstellen. Wie das allerdings konkret aussehen wird, muss sich noch zeigen. Erst einmal finde ich es wichtig, nebst meinen soziologischen Kompetenzen mein theologisches Wissen auszubauen. Ab dem Herbst/Wintersemester 2018/19 bin ich als Promovendin an der theologischen Fakultät in Fulda immatrikuliert und hoffe, dass ich dieses Projekt auch zu Ende bringen darf.

Mein Reisejournal in der Kirche beginne ich erst zu füllen, in der Hoffnung, dass etwas Gutes und Sinnvolles erwachsen kann. Vielleicht sprechen wir in fünf Jahren nochmal, dann kann ich berichten wie es mir ergangen ist.

Was würdest du anderen Soziolog*innen raten, die sich für einen Job in der Seelsorge interessieren?

Stay tuned! Ich glaube, dass es erst einmal (leider) nicht ganz so einfach ist in der Kirche ohne einen theologischen Abschluss eine Anstellung zu finden. Das Denken folgt hier noch oftmals nach klassischen Strukturen. Also: hast du Theologie studiert bist du in der Kirche herzlich willkommen, hast du einen anderen Abschluss wird es schwieriger. Das Teamwork zwischen der Theologie und anderen Disziplinen funktioniert -zumindest in der Kirche als Arbeitgeberin- noch nicht einwandfrei. Ich glaube man braucht Durchhaltevermögen, um einen Job in der Kirche als Soziologin zu bekommen und man muss bereit sein, sich ggf. theologisches Wissen anzueignen und sich weiterzubilden. 

Vielen Dank für das Gespräch!

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Veröffentlicht am: 21. Oktober 2018